BJ Nilsen & Stilluppsteypa
Big Shadow Montana
LP HMS 020


Nonpop
April 2011

     Seit 2005 bringen der Schwede und die Isländer jährlich mindestens ein gemeinsames Werk auf den Markt. Nicht alle davon haben den Weg auf meinen Tisch oder in mein Ohr gefunden. Gut erinnern kann ich mich an die Zusammenarbeit mit einem weiteren Künstler: "Second Childhood" war vor einigen Jahren ein Höhepunkt der leisen und langsamen Musik; neben BJ Nilsen und Stilluppsteypa war Hildur Gudnadóttir beteiligt. Die damalige NONPOP-Besprechung stellt den Soundkünstler aus Schweden (BJ Nilsen) und die zwei Experimentalelektroniker aus Island (Stilluppsteypa) ausführlich vor.
     Langsamkeit ist auch hier, auf "Big Shadow Montana" das Stichwort. "An album of slow motion delirium", beschreibt das Label treffend diese feine, rein instrumentale Ambient-Platte. Dunkle Drones bilden den Einstieg. Lange, nachhallende Töne – vielleicht sogar nur ein einziger – schaffen die räumliche Atmosphäre einer Höhle. Dazu spielt eine Ein-Ton-Orgel, weitere Dark Ambient-Bestandteile springen bei: Glocken, ganz im Hintergrund ein Tenor, metallenes Scheppern aus dem Stahlwerk. Nach rund zehn Minuten schleicht sich eine zarte, bassige Melodie ein. Menschliches Wispern verstärkt den Eindruck, dass es sich nun um Musik mit Struktur handelt. Die Percussion ist zwar nach wie vor schleppend, aber beinahe rhythmisch. Klick, ein Schalter wird umgelegt und Elemente verdichten sich. Die Orgel bläst sich auf, Knirschen und Schleifen münden in eine große Drone-Blase, zu der auch die einem Himmelschor ähnliche Gesangsschleife beiträgt. Erneuter Bruch nach 15 Minuten, es herrscht quasi Stille. Anschließend erscheint alles eine Spur schräger, bedrohlicher, Töne stürzen ab, zurück in die Höhle. Seite Eins endet mit einer psychedelischen, immer schneller werdenden Synthie-Frequenz.
      Die zweite Seite startet parallel zur ersten mit einem langgezogenen Drone, wie ein endloser Glockenschlag. Für den Rest dieses dritten Viertels hat das Trio offenbar einen Keyboarder unter Drogen gesetzt und ins Studio gesperrt, die Töne werden lang und schräg und enden im Sirren eines Insektenschwarms. Nach rund zehn Minuten schält sich der beste, letzte Teil von "Big Shadow Montana" heraus. Wunderbarer Ambient, der Melodielauf auf einer altersschwachen Heimorgel eingespielt, ein Zeitlupenwalzer mit sphärischen Drones im Hintergrund. Gebt mir den Endlosloop, da könnte ich ewig zuhören. Ambient im besten Sinne, ohne Anfang, ohne Ende, verführerisch und ein wohliges Gefühl hinterlassend. Sphärisches Aus-dronen zum Schluss.
     Ob die Bezeichnung 'Ambient', 'Dark Ambient', 'Experimental' oder wie auch immer lautet, ist schlussendlich egal. Wichtig ist die geheimnisvolle Atmosphäre, die BJ Nilsen & Stilluppsteypa ohne Zweifel erzeugen. Zuweilen sakral, oft außerirdisch, auch die Alchemie könnte – völlig ins Blaue hinein geraten – eine Rolle spielen, denn manche Teile klingen wie der sich im Fluss befindliche Aggregatzustand eines Metalls. Als Vergleichsbands kommen ab und zu Coil, besser aber First Human Ferro oder russische Industrial-Projekte wie Reutoff und Post Scriptum in Frage. Spannende Platte!