Fossil Aerosol Mining Project
Revisionist History
CD+DL ADM 019


Non Pop

June 2016

Im Oktober des vergangenen Jahres beschäftigte sich der Autor dieser Zeilen bereits recht ausführlich mit FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT im allgemeinen sowie deren damals aktuellem Vinylerstling "The Day 1982 Contaminated 1971" im besonderen, weshalb hinsichtlich konzeptioneller und musikalischer Hintergrundinformationen an dieser Stelle der Einfachheit halber auf den fraglichen Artikel verwiesen sei. Dieses, einer gewissen jahreszeitlich bedingten Bequemlichkeit geschuldete, Vorgehen erlaubt es uns, direkt auf das vorliegende, brandneue Album "Revisionist History" selbst einzugehen, das nicht mehr und nicht weniger als ein wirklich großer, nahezu perfekter Wurf ist – jedenfalls schmiedet es Kernkompetenzen und Königsdisziplinen des F.A.M.P.'schen Schaffens zu einem musikalischen Kronjuwel zusammen, das seinesgleichen sucht.

Wir erinnern uns: Die damals besprochene LP wusste dem Rezensenten ungeachtet seines prinzipiellen Enthusiasmus für das Projekt an sich sowie dessen Oevre im Ganzen nicht so recht zu behagen; insbesondere vermisste er jene dronig-entspannte und alienesk-verträumte Grundstimmung, die für ein Gros des Gesamtwerkes so charakteristisch ist, auf "The Day 1982 Contaminated 1971" zugunsten einer stärkeren Betonung des experimentellen Frickelfaktors jedoch stark in den Hintergrund rückte. Sämtliche diesbezüglichen und anderweitig denkbaren Kritikpunkte lösen sich angesichts "Revisionist History" nun allerdings tutti completo in Wohlgefallen auf: Hier passt einfach alles. Virtuos und gewissenhaft arbeitet das mysteriöse Musik- & Multimediakollektiv aus Illinois/USA die schillernden Facetten seines musikalischen Ausdrucksspektrums ab und generiert dabei eine eigentümliche, nahezu unvergleichliche Stimmung, die irgendwo zwischen Horror- und SciFi-Flix der 70er, bizarren Fieberträumen, einer gewissen, immer wieder von disharmonischen Querschlägern durchbrochenen Fluffyness, kryptischen Strukturfragmenten und einer alles umfangenden, stetig an- und abschwellenden räumlichen Weite & Tiefe oszilliert. Klingt kryptisch? Ist kryptisch. Und bleibt kryptisch – aber das macht den Reiz der CD mit dem leidlich kontrovers tönenden, doch lediglich auf die zugrundeliegende ästhetische Programmatik abhebenden, Titel aus. Als einzig mögliches Referenzobjekt seien wieder die, mit F.A.M.P. ohnehin fachlich & freundschaftlich verbundenen sowie bereits mehrfach in Kollaboration getretenen Tribal-Dark-Ambient-Experimental-Post-Industrial-Epigonen von :ZOVIET*FRANCE: herangezogen; schlicht & einfach deshalb, weil sie die größte musikalische, konzeptionelle und technische Schnittmenge mit F.A.M.P. aufweisen und last, but not least die einzigen sind, die beim Rezensenten halbwegs vergleichbare Assoziationen und Stimmungen hervorzurufen vermögen. Und ebenso wie bei diversen :Z*F:-Alben (beispielhaft seien hier "Mohnomishe", "Eostre" oder "What Is Not True" genannt), ist es auch beim vorliegenden Album der beinahe allgegenwärtige Dronefaktor, der den einzelnen Stücken, auch wenn sie bisweilen weit in experimentelle und schräg-disharmonische Gefilde mäandern, jene grundlegende Ruhe verleiht, die die faszinierend irrlichternde Oberfläche jederzeit verlässlich trägt.

Eben dieser charakteristische, für die Musik auf dem Album wie für das Gesamtwerk von F.A.M.P. ganz generell konstitutive Drone ist es, der dem Ganzen über weite Teile eine irritierend entspannte, beinahe kontemplative Note verleiht: ein geeigneterer Soundtrack zum gepflegten Abdriften in postapokalyptische Tagträumereien auf dem sonmmersonnenheißen, heimischen Balkon scheint jedenfalls schwerlich denkbar. Wie schon auf den vorangegangenen Veröffentlichungen interpretiert und stilisiert man das eigene musikalische Treiben entsprechend der offiziellen Projektagenda "Consider Your Culture As Artifact" als Ausdruck einer pseudohistorisierenden Krypto-Musikarchäologie, die diverse, bis zur Unkenntlichkeit dekontextualisierte akustische Schnipsel und Fundstücke sammelt, rekonstruiert und in neuen Strukturzusammenhängen rekontextualisiert: "The recordings on this album are hybrids, created by the grafting of old artifacts onto new material using recently devised studio processes. New sounds of the past, articulated through the devices of an unimagined future", so der Promotext. Dass es relativ schwerfällt, einzelne Tracks besonders lobend (oder tadelnd) herauszugreifen, spricht in diesem Fall zu 100% für das Album, da es sich umstandslos als organisches Ganzes präsentiert, dessen außerordentliche strukturelle und integrative Kohäsionskraft auf dem harmonischen Wechselspiel all seiner Teile basiert. Im Interesse einer groben Differenzierung kann man freilich, wenn man es partout nicht lassen mag, jene Tracks, denen eine dezidiert atmosphärische und kontemplative Grundstruktur eignet – wie z.B der, direkt an ein anderthalbminütiges Quasi-Intro anschließende Eingangstrack "Filtered By Limestone", oder "Mistranslated Practices", ein weiterer :Z*F:-Klon, um nur zwei herauszugreifen – von denen differenzieren, die etwas schräger und experimenteller daherkommen, wie z. B. das, als einziger Track des Albums ein klein wenig nervig geratene, "Principles Of Shallow Water", oder das, auf knappen Sprachsamples und diversem Gebrumme, Gezische und Geraschel basierende, im weiteren Verlauf jedoch einen erstaunlichen hypnotischen Sog entfaltende "iSky And Little Eyes" – das übrigens ebenfalls spontan an :Z*F: erinnert, insbesondere an jene Stimm- und Sprachsamplingexperimente, die die Briten exemplarisch im Rahmen des Tracks "White Dusk" auf der 1989 erschienenen Compilation "A Bead To A Small Mouth" unternommen haben.

Keinesfalls sollte angesichts der besagten Analogien zu :ZOVIET*FRANCE: beim Leser nun allerdings der Eindruck entstehen, es mangele dem vorliegenden Album etwa an Authentizität und/oder Originalität – davon kann, wie gesagt, nicht ansatzweise die Rede sein: Zum 30jährigen Bandjubiläum beglücken F.A.M.P. die geneigte Zielgruppe mit einer, dem Anlass mehr als angemessenen "Anniversary Edition" von "Revisionist History", limitiert auf 300 Stück und bestehend aus "prepared packages that include a manipulated page of pseudohistorical text (circa 1972), and a souvenir fragment of open-reel dictaphone tape collected as source material in Chicago in 1988". Obendrein gibt’s zur CD noch einen Bandcamp-Downloadcode für eine weitere Lehrstunde in angewandter Kryptoarchäoakustik (über deren inhaltliche Qualitäten sich diese Rezension mangels Materials leider auschweigen muss) obendrauf, so dass der Promotext schlussendlich völlig zu recht vermelden kann: "In total, Revisionist History includes over two hours of enhanced decay and mnemonic devices". Wir sehen: Mitnichten schließen sich Masse und Klasse zwingend aus, wie man den kritischen Konsumenten bisweilen glauben machen will. - Langer Rede kurzer Sinn: "Revisionist History" ist ein durch- & rundweg fantastisches Album, das dem Novizen wie dem Veteranen in Sachen FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT gleichermaßen wärmstens ans Herz gelegt werden kann ... nein: muss.