Fossil Aerosol Mining Project
The Day 1982 Contaminated 1971
LP HMS033


Non-Pop
October 2015

Ungeachtet seiner langjährigen, relativen Vertrautheit mit dem experimentellen Musiksektor waren FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT dem Rezensenten bis vor kurzem noch völlig unbekannt. Dies allerdings ist – selbst angesichts der fast 30 Jahre umfassenden Bandgeschichte – nur mäßig erstaunlich, denn das mysteriöse Projekt aus Illinois/USA trat lediglich in den späten 80er-Jahren durch einige stark limitierte Tapeveröffentlichungen in Erscheinung, um sich 1989 erst einmal wieder aufzulösen. 2004 formierte man sich neu und brachte seitdem musikalisches Material vornehmlich via CDr- und Download-Format unter die Leute. Einen medialen Fortschritt mit größerer Breitenwirkung stellte insofern die Doppel-LP "Patina Pooling" dar, die, verpackt in einer soliden Stahlbox, 2014 als Kollaboration mit den altgedienten Tribal-Experimental-Ambient-Recken und Pseudo-Ethnomusikologen von :ZOVIET*FRANCE: bei ALT.VINYL erschien. Nun präsentiert das obskure Musikerkollektiv seine erste Vinyl-LP in Eigenregie bei der, auf experimentelle Elektronik mit Ambient-Affinität spezialisierten HELEN SCARSDALE AGENCY – und nachdem der Rezensent während der vergangenen Monate mit stetig wachsendem Enthusiasmus das ebenso weitreichende wie pittoreske Feld erkundet hatte, welches durch das bisherige Oevre von FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT abgedeckt wird, war die freudige Erwartung entsprechend groß, als eine Rezensions-Nachfrage für das neue Album ins Haus flatterte. Apropos :ZOVIET*FRANCE: – Die geben ohnehin eine erstklassige Referenzgröße ab, wenn es darum geht, sich dem formalen und inhaltlichen Rahmen anzunähern, der der Arbeit von FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT zugrundeliegt: Ebenso wie die britischen Post-Industrial-Epigonen aus Newcastle Upon Tyne, in denen man, so HELEN SCARSDALE, mit Fug & Recht "FOSSIL AEROSOL's British counterpart" sehen mag, sind auch die Amis zuerst einmal multimedial orientiert und auf visueller wie auditiver Ebene gleichermaßen emsig zugange. Um ein Höchstmaß an Anonymität bemüht, indem man sich weitestgehend hinter das künstlerische Werk zurückzieht, pflegt man zudem ein Selbstverständnis, das wohl am angemessensten als ziemlich eigenwillige Melange aus pseudo-wissenschaftlichen, psychoakustischen, post-schamanistischen und ästhetischen Konzepten umschrieben werden kann. Zentraler Stellenwert in der musikalischen Praxis kommt der Interpretation verschiedenster Field Recordings, Soundschnipsel und Samples als Artefakte einer prae-apokalyptischen Kultur zu, die aus der fiktiven, pseudo-externen Perspektive post-apokalyptischer Anthropologen und (Musik-)Ethnologen rekonstruiert und neu zusammengesetzt werden. Das fragliche akustische Material stammt aus diversen Filmen – hier erfährt insbesondere das Zombie-Sujet der späten 70er- und frühen 80er-Jahre eingehende Würdigung –, Radiosendungen und Tapeaufnahmen oder setzt sich aus anderweitigen Fundstücken ("often culled from 35mm film and 1/4" magnetic tape found in abandoned drive-in movie theatres and warehouses" ergänzt der Promotext) zusammen, deren Re-Arrangements in Kombination mit diversen Hintergrundstörfrequenzen wie Rascheln, Knistern, Rauschen usw. in der Regel eine ebenso atmosphärisch-entspannte wie verstörend-fremdartige Wirkung auf den Hörer ausüben – auch und gerade in dieser Hinsicht sind sie frühen :ZOVIET*FRANCE:-Alben wie "Mohnomishe" oder "Eostre" vergleichbar. Die umrissene Programmatik fassen FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT in der kurzen, pointierten Formel "Songs of enhanced decay an faked resurrection" zusammen.
Bedauerlicherweise, so muss man nun sagen, wurde "The Day 1982 Contaminated 1971" der euphorischen Erwartungshaltung, mit der der Rezensent dem Album entgegenfieberte, nicht so ganz gerecht. Dies möge der geneigte Leser allerdings als gänzlich subjektive Einschätzung verstehen, denn keineswegs kann man dem vorliegenden Werk mangelnde Originalität, Seichtheit oder gar Substanzarmut vorwerfen, ganz im Gegenteil zeichnet es sich durch die Vielschichtigkeit seiner Soundcollagen und die bemerkenswerte kompositorische Komplexität aus, mit der die einzelnen Versatzstücke zu neuen Einheiten verschmolzen wurden. Nichtsdestoweniger vermisst man die charakteristische, gleichermaßen entspannte wie fremdartige Atmosphäre, die man mit "About Your Belief" (2009), "Decades Of Fake Resurrection" (2011) oder "Three Days At Qurna" (2013) kennen- und liebengelernt hat – diese ganz spezielle, irgendwie irrlichternd-flirrende und doch einlullend monotone Grundstimmung, die auf ein – normalerweise! – nicht zu knappes Drone-Element in der Musik des Kollektivs zurückzuführen ist und den Hörer an einsame Landschaften auf fremden, sehr sonnigen, sehr menschenleeren und sehr kargen Planeten denken lässt, deren irdischer Analogie Lanzarote oder Fuerteventura noch am nächsten kommen. Unter einer empfindlichen Reduzierung eben jenes Drone-Faktors fokussiert sich der vorliegende Vinyl-Erstling leider überwiegend auf den frickelig-weirden Aspekt des Projektes und kommt entsprechend, ja, man möchte sagen: kopflastig daher. Dazu passend wird man den intuitiven Eindruck nicht los, auch der Anteil an Spoken-Word-Samples sei auf dem Vinyl-Debüt deutlich höher ausgefallen als bislang üblich – so wirkt "The Day 1982 Contaminated 1971" zwar konzeptueller und intellektueller, aber auch weniger luftig-verspielt und atmosphärisch als seine Vorgänger. Nicht zuletzt weist das Album auch eine gewisse Affinität zum dadaistischen Soundpatchwork der frühen NURSE WITH WOUND auf und so versteht es sich von selbst, dass demjenigen, der nicht bereit ist, das Gehörte mit einem lapidaren Achselzucken abzutun und weiterzuskippen, durchaus ein gerüttelt & geschüttelt Maß an Konzentration und Beharrlichkeit abverlangt wird. Für Fans und all diejenigen, die bereits mit dem musikalischen Kosmos von FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT vertraut sind, mag das vorliegende Album die Funktion einer reizvollen Horizonterweiterung erfüllen und insofern schon den Kauf rechtfertigen, für Einsteiger hingegen scheint es wenig empfehlenswert, da eine entscheidende Facette des FAMP-Sounds weitgehend ausgeblendet wird. Die starke Reduktion dieser, sonst vergleichsweise dominant ausgeprägten, atmosphärischen, dronigen Ebene auf der vorliegenden Scheibe begünstigt ein verflachtes und verkürztes Bild, das dem faszinierenden musikalischen Oeuvre in seiner Gesamtheit nicht gerecht wird – es droht sozusagen, um in Analogie zum Albumtitel zu sprechen, die Kontamination des Werkes durch seinen jüngsten Exponenten, was angesichts der außergewöhnlichen Qualität und Faszinationskraft schlechterdings ein Jammer wäre. Wer unter der interessierten Leserschaft also den idealen Einstieg in jene alienesken, post-apokalyptischen und doch chilligen Ambient-Soundscapes sucht, die so charakteristisch für FOSSIL AEROSOL MINING PROJECT sind, dem seien noch einmal ausdrücklich die oben aufgeführten Alben ans Herz gelegt. Dergestalt mit einem soliden, repräsentativen Hintergrund ausgestattet, goutiere man im Anschluss dann gerne "The Day 1982 Contaminated 1971" und bilde sich ein eigenes Urteil. Dieser Herangehensweise ist der Segen des Rezensenten dann jedenfalls sicher.