Murmer
What Are The Roots That Clutch
CD HMS 022


Nonpop
July 2012

     Es war ein seltsam höhlenhaft klingender Ton, ein Geräusch, das aus einem Ventilatorschacht kam, welches Patrick McGinley dazu bewog, Feldaufnahmen zu sammeln. Damals hatte er noch kein Gerät, um diesen Ton aufnehmen zu können. Doch das änderte sich. Denn kurz darauf schon, d.h. 1996, begann er damit, Sounds und Sound-Objekte zu sammeln. Hierfür legte er sich den Namen Murmer zu. Ein recht interessanter Name. Murmers nämlich sind pathologische Herzgeräusche, die wegen eines ungleichmäßigen Blutflusses entstehen, d.h. das Herz pumpt das Blut in unregelmäßig starken Stößen durch die Adern. „Murmer of the heart“ wird das im Englischen genannt. Das haben sicher einige selbst schon in einer ruhigen Minute gehört. Und eine solche ruhige Minute wird McGinley dann wohl neben der Suche nach ungewöhnlichen Tönen auch gesucht haben. Er fuhr also im Zuge seiner Suche nach Europa und begann mit dem Sammeln der verschiedensten Geräusche.
     Für die aktuelle auf dem Label Helen Scarsdale erschienene CD: „What Are The Roots That Clutch“, deren Sounds in den Jahren 2006 bis 2010 in Estland, Frankreich und Finnland aufgenommen wurden, wanderte er fernab jeglicher Zivilisation durch die abseitigen Gegenden der genannten Länder, suchte und fand beides: die Sounds und die Stille. Dabei waren ihm einige Leute eine große Hilfe, die z.B. durch ihre dortige dauerhafte Anwesenheit die Plätze kannten auf denen, steht man an der richtigen Stelle, solch seltsame Geräusche gehört und, hat man das notwendige Gerät bei Zusammenfassung der Hand, auch aufgenommen werden können.
      Es dauert etwa eine Minute, bis der erste Titel beginnt. Man hört sich beim Hören selber zu und erinnert sich dabei an John Cage, an sein Stück „4:33“. Ein fernab hörbares Flugzeug rückt in die Stille. Dann kommt Meeresrauschen dazu, eine Zikade, die womöglich an Land zwischen irgendwelchen Büschen sitzt. Dann gehen wir mit McGinley weiter landeinwärts. Das Rauschen wird leiser. Die Grille verstummt. Daraufhin gelangen wir an einen Tümpel oder Teich, in dem einige Frösche quaken. Aus dem Flugzeuggeräusch wird ein anund abschwellender Basston. Dazu versetzt kommen höher frequente Töne, die ebenfalls an- und abschwellen, während die Frösche weiterhin quaken. Nach etwa zehn Minuten befinden wir uns in einem Unterholz, vielleicht in einem Wald, dessen Untergrund aus abgefallenen Baumrindenresten, trockenen Zweigen und dergleichen besteht. Wir können sie hören, weil wir uns auf ihnen bewegen, sie also anstoßen oder zertreten. Dann treten wir, während wir noch Vogelgezwitscher hören, aus dem Wald heraus. Und nach etwa 18 Minuten Fußweg stehen wir schließlich auf einer Lichtung. Auf dieser – wir sind nun schon im zweiten Teil – stehen Kühe, die sich auf der Weide frei bewegen können. Deshalb hören wir die um ihren Hals gebundenen Glocken. Ein Hirte ist auf diese angewiesen. Er sieht mit seinen Ohren … Doch wir gehen weiter, wir gehen mit Murmer durch Gegenden, durch die wir vielleicht selbst schon einmal gegangen sind, doch vergessen haben, dem zuzuhören, was da gehört werden kann.
      Erst die Beschäftigung mit dem, was um uns herum passiert, macht das, was wir hören zu etwas ganz Besonderem. Das erfordert Aufmerksamkeit, da es sonst im Alltäglichen der Geräuschkulisse, die wir nur zu gut kennen und deshalb meist auch ausblenden, verschwindet. Vielleicht muss es nicht unbedingt die Natur sein, in der wir das Hören lernen können. Vielleicht müssen wir aber auch erst einmal die Stadt hinter uns lassen, um sie, sind wir zurück, mit unseren Ohren anders zu sehen.  -- andrewkorsch